Trauer sichtbar machen: Umgang mit Verlust
Interview mit 20 Minuten vom 5. Januar 2025
Am Geburtstag ihres verstorbenen Sohnes wendet sich Sandra Mäder mit bewegenden Worten an die Öffentlichkeit. Ein Gespräch mit der Psychologin Raffaela Witting zeigt: Öffentliches Trauern kann Trost spenden.
«Lieber Gino, zu Deinem Himmelsgeburtstag alles Liebe», so beginnt Sandra Mäder ihren emotionalen Post auf X. «Hoffe, die Engel singen für Dich. Vielleicht hat Muriel einen Kuchen für Dich gebacken, den man essen kann – nicht so wie meine Kuchen.» Den Post schliesst sie mit den Worten: «Vermisse dich, Mami.»
Sandra Mäder ist die Mama von Gino Mäder. Der erst 26-jährige Schweizer stürzte am 15. Juni 2023 auf der Königsetappe der Tour de Suisse so schwer, dass er am Tag darauf den Verletzungen erlag. Am 4. Januar, an dem Tag, an dem Sandra Mäder den Post veröffentlichte, wäre Gino 28 Jahre alt geworden. 20 Minuten hat mit Trauma-Expertin und Psychologin Raffaela Witting gesprochen.
Witting über ...
... den Schmerz der Eltern
«Der Verlust eines Kindes gehört zu den tiefgreifendsten und schmerzhaftesten Erfahrungen, die Eltern durchleben können. Dieser Schmerz verschwindet in der Regel nicht vollständig, sondern wandelt sich im Laufe der Zeit», so Witting.
«Viele Eltern beschreiben, dass die Trauer weniger überwältigend wird, doch die Verbindung zu ihrem Kind und der Verlust bleiben ein Teil ihres Lebens.» Besonders an Tagen wie Geburtstagen oder Jahrestagen könne die Trauer wieder intensiver empfunden werden, sagt die Psychologin. Diese Wellen der Trauer seien ein natürlicher Teil des Trauerprozesses.
... den Umgang der Eltern mit einem tragischen Verlust
«Der Umgang mit einem so tragischen Verlust ist zutiefst individuell und hängt von vielen Faktoren ab, wie der Persönlichkeit, dem sozialen Umfeld und den persönlichen Bewältigungsstrategien», erklärt die Trauma-Expertin und Psychologin.
«Manche Eltern ziehen sich in ihrer Trauer zurück, andere suchen aktiv den Austausch.»
Witting weiter: «Wichtig ist, dass Raum für die Trauer geschaffen wird und die Betroffenen Unterstützung erfahren – sei es durch Freunde, Familie oder professionelle Hilfe.»
Helfen, um eine anhaltende Verbindung zu bewahren, können laut ihr Rituale, wie das bewusste Gedenken an den Verstorbenen.
... das Trauern in der Öffentlichkeit von Sandra Mäder
Raffaela Witting sagt: «Das öffentliche Teilen von Trauer kann sehr unterstützend wirken, da es den Betroffenen ermöglicht, ihre Gefühle auszudrücken und ihre Verbindung zum Verstorbenen aufrechtzuerhalten.» Gleichzeitig würde es laut ihr einen Raum schaffen, in dem Mitgefühl und Unterstützung von aussen spürbar werden.
«Es ist eine Möglichkeit, das Leid zu teilen und dadurch das Gefühl zu erfahren, nicht allein zu sein. Das Wissen, dass andere Menschen Anteil nehmen, kann Trost spenden und ein Gefühl von Gemeinschaft schaffen», sagt Witting.
... das Trauern in der Öffentlichkeit von Betroffenen allgemein
«Ja, das kommt immer häufiger vor, insbesondere durch die Möglichkeiten der sozialen Medien. Geburtstage, Todestage oder andere bedeutungsvolle Anlässe werden oft genutzt, um der eigenen Trauer öffentlich Ausdruck zu verleihen», sagt Witting.
«Solche Beiträge können den Trauernden helfen, ihre Emotionen zu verarbeiten und Unterstützung zu erfahren. Darüber hinaus können sie anderen Menschen Mut machen, über ihre eigene Trauer zu sprechen und tragen dazu bei, das Thema Verlust und Trauer offener und verständnisvoller zu behandeln», erklärt sie weiter. «Sie zeigen eindrücklich, wie individuell und facettenreich Trauer erlebt und gestaltet werden kann.»
Der Link zum Artikel findet sich hier: «Hoffe, die Engel singen für Dich»: Mama-Mäder mit emotionalem Post.
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